Das Schloss Hallwyl gilt als das schönste Wasserschloss der Schweiz. Heute ist es ein Museum, aber nur in der Sommersaison geöffnet. Wenn man Augen und Ohren hat für die Natur, gibt es in der Gegend noch viel mehr zu sehen. Es lohnt sich, die Natur ums Schloss Hallwyl zu beobachten.

Wir entsteigen in Boniswil dem „Seetaler“, dem Zug, der zwischen Lenzburg und Luzern verkehrt. Durchs Dorf gehen wir etwas schneller, aber schon im Einfamilienhausquartier gibt es etwas zu sehen: Ein Storchenpaar auf seinem Horst. Sie nisten mitten in dieser eher nicht so naturnahen Umgebung. Das ist für sie aber kein Problem, weil gleich nebenan das Boniswiler Ried liegt, das mit 40 Hektaren grösste im Aargau übrig gebliebene Flachmoor. Auf einem Acker suchen drei weitere Störche nach Nahrung, durchs Fernglas entdecke ich vier herumfliegende Kiebitze.
Der Wanderwege würde nun geradeaus weitergehen, wir nehmen aber die Schlaufe rechts herum dem Wald und dem Aabach entlang. Die Natur erwacht nun schnell, im Wald singen Meisen, Rotkehlchen, Singdrosseln, hämmern Spechte und rufen Kleiber. Am Aabach fühlt es sich fast wie irgendwo im Dschungel an, allerdings ist die Zivilisation nie fern.
Einmal rund ums Schloss
Wir erreichen das Schloss, auch dort ist allerhand los. Im alten Gemäuer machen sich die Strassentauben und die Dohlen breit. Die Dohlen bilden hier die grösste Kolonie der Schweiz. Hier wird nun gebalzt, gestritten und gebaut, man könnte lange zuschauen. Wir umrunden das Schloss und kommen so dessen Schokoladenseite zu Gesicht. Die Zeit ist schon fortgeschritten, die Leute erwacht, entsprechend viele hat es hier. Wir konzentrieren uns immer noch lieber auf die Natur, gehen dem Hallwilersee entgegen. Auf einem weiteren Horst am Wegrand bereitet sich ein weiterer Storch auf die Brutsaison, auf der Wiese grasen Graugänse und hoch oben in einer Pappel entdecken wir einen Kleinspecht. Allmählich drückt die Sonne durch.
Erwachen der Winterschläfer
Am See läuft man direkt auf die Schiffhaltestelle zu. Mit Erstaunen stellen wir fest, dass die Schiffe heute fahren, das nächste aber erst um 13 Uhr, jetzt ist elf. Wir gehen weiter, beobachten weiterhin links und rechts. Es hat ziemlich viel Wasser, an verschiedenen Stellen herrscht landunter. Das gefällt natürlich den Enten, Krickenten, Teichhühner und Stockenten suchen in den Tümpeln nach Nahrung. Am Rand des Schilfes entdeckt Silvan etwas Dunkles. Ein Blick mit dem Fernglas bestätigt seine Vermutung: Es ist eine Europäische Sumpfschildkröte! Sie ist die einzige einheimische Schildkrötenart. Offenbar hat sie das schöne, warme Wetter bereits hervorgelockt.
Inzwischen haben wir Hunger gekriegt, legen eine kurze Pause ein. Nicht, ohne dazwischen zu fotografieren und Vögel zu bestimmen. Ich schlendere umher, da kommt jemand entgegen ebenfalls mit Fernglas ausgerüstet, aber in Uniform. Es ist ein Ranger. Ich frage ihn, ob es hier hinten auch schon Schildkröten hätte. Nein, die würden wahrscheinlich erst nächste Woche hervorkommen, wenn das Wetter so bleibt. „Nein, sie sind schon hervorgekrochen, da vorne haben wir eine gesehen“, entgegne ich. „Was? Schon? Wo?“ fragt er mich mit grossen Augen. Schnellen Schrittes führe ich ihn an die Stelle. Als er das Tier entdeckt, ist er ganz entzückt. Damit habe er noch nicht gerechnet. Da kommen Bekannte von ihm hinzu. „Die Schildkröten sind schon da!“, sagt er zu ihnen. Sie sind Schildkrötenexperten. „Oh, hast du sie entdeckt?“, freuen sie sich. Nein, diese Familie habe sie entdeckt.
Eine besondere Kombination
Wir gehen weiter. Schilf, Sträucher, Wiese wechseln sich ab. Ich scanne die Landschaft, bei einem Busch bleibe ich stehen: Das ist doch… tatsächlich, eine Rohrdommel! Und kurze Zeit fliegt sogar eine Eisvogel hinzu und landet auf einem Ast. Was für eine Beobachtung!
Kurz darauf stossen wir auf zwei Frauen, die uns ansprechen, sie gehören auch zu den Expertengruppe von vorhin. Wir erzählen von unserer Beobachtung. Darauf plaudert die eine aus dem Nähkästchen. „Es gibt Leute, die holen die Schildkröten aus ihrer Umgebung und rufen dann die Wildhut oder Polizei an, weil sie meinen, die gehören nicht da hin.“ Unglaublich, was Leute heutzutage in der Natur anstellen, ohne eine Ahnung davon zu haben. Leute, wenn ihr eine Schildkröte findet:
Lasst die Tiere in Ruhe!
Wenn ihr das Gefühl habt, die gehören nicht da hin, dann meldet das einfach der Polizei oder einem Ranger, aber fasst die Tiere nicht an!
Ein runder Abschluss
Wir gehen weiter, ohne spektakuläre Beobachtungen. Beim Bad (so heisst es auf der Karte) kehren wir wieder um. Wieder suchen wir alles ab, entdecken aber nichts mehr. Dafür stellen wir fest, das die Zeit nur so verflogen ist, es ist nämlich Viertel vor eins, und um eins fährt das Schiff. Perfektes Timing! So tuckern wir gemütlich zurück auf dem neusten Schiff der Hallwilerseeflotte, der „Brestenberg“, schauen bei einem Kaffee aus dem Fenster. Selbst jetzt entdecken wir noch Vögel, am Ufer steht ein Silberreiher. In Beinwil entsteigen wir nach einer halbstündigen Fahrt dem Schiff und streben dem Bus zu. Dieser Ausflug dauerte viel länger und war wesentlich spannender als erwartet!
