Normalerweise plant man eine Tour und weiss ungefähr, was einen erwartet. Manchmal erlebt man Überraschungen. Und dann gibt es Momente, wo man nur noch mit offenem Mund da steht und von Emotionen überschüttet wird. Das war dieses Mal der Fall, ich hatte ein unglaubliches Erlebnis im einsamen Tal.

Tja, das Alter. Diesen Winter fallen Skitouren für mich aus, die Hüfte. Ich ging deshalb in die Skitourenwoche des SAC Homberg mit, machte aber keine Skitouren, sondern beschäftigte mich alleine. Mit Kameras und Fernglas ausgerüstet, wurde mir nicht langweilig. An dem Tag beschloss ich, ein Tal hochzuwandern, direkt von unserer Unterkunft aus. Zuerst über Weiden, dann durch den Wald. Bei den Vögeln machte sich der Frühling bemerkbar, überall sangen die Misteldrosseln. Auch die schönen, roten Gimpel jagten sich, Buntspechte trommelten.

Bei den Meisen und Amseln

Ich genoss es, ganz alleine unterwegs zu sein, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, konnte gehen und stehen, wann ich wollte, Pause machen, wann ich wollte. Ich hielt immer Ausschau nach Dreizehenspechten und Sperlingskäuzen, diesen beiden Arten, die ich schon lange mal sehen will in den Alpen. Es waren aber keine zu entdecken, dafür Meisen: Haubenmeisen, die Punks unter den Meisen, und Tannenmeisen, beides süsse, kleine Vögel.

Im Schnee

Je höher ich gelangte, desto mehr Schnee lag auf den Wegen. Irgendwann gab es nur noch Schnee, der manchmal trug, manchmal nicht. Ein Bergbach plätscherte, das ideale Habitat für Wasseramseln. Prompt entdeckte ich eine, weiter oben noch mehr. Zwei flogen hintereinander her, es war Balzzeit. Dabei floss der Bach zum Teil unter dem Schnee, so waren die Reviere auch schön getrennt.

Wasseramsel

Da ist er!

Nach stundenlanger Wanderung erreichte ich eine Hochebene. Spätestens hier wollte ich wieder umkehren, da es nun nicht mehr opportun war, ohne Schneeschuhe oder Skis weiter zu gehen. Ich beschloss, noch bis zu einem Felsen zu gehen, der aus der schneebedeckten Ebene ragte. Rechts am Hang flogen vier Rabenkrähen und eine Elster umher und machten ein Gezeter. Irgendwas war da. Im Schnee entdeckte ich etwas Oranges, konnte es aber nicht identifizieren.

Ich erreichte den Felsen, machte es mir gemütlich mit einem Sitzkissen und der Verpflegung, Kamera und Fernglas griffbereit. Nach einem Schluck Tee suchte ich mit dem Fernglas die Stelle ab – und traute meinen Augen nicht: Da stand ein Luchs im Schnee! Nicht für drei Sekunden und dann war er weg. Er schaute mich entspannt an. Ging zurück, schnüffelte im Schnee. Ging auf die andere Seite des Schneefeldes, setzte sich dort auf einen Felsen und beobachtete mich. Ohne Stress. Dafür jubelte in mir alles, ich hätte am liebsten laut herausgeschrien vor Freude. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ungefähr dreihundert Meter trennten uns, jeder schaute den anderen an. Zwanzig Minuten lang sassen wir uns Auge in Auge gegenüber, bis ich zusammenpackte und wieder abstieg. Der Luchs schaute mir nach.

Glücktrunken auf den Heimweg

Voller Endorphine stieg ich ab, jubelte innerlich immer noch, konnte mein Glück kaum fassen. Ja, eine neue Vogelart entdecken ist aufregend, aber einen Luchs so beobachten, von dem es heisst, er lebe ganz heimlich, sei kaum zu entdecken und fast nur in der Nacht unterwegs? Das weckte nochmals ganz andere Emotionen. Natürlich teilte ich ein Bild im Familienchat (die Familie war mit den Kollegen auf Skitouren). Die Nachricht verbreitete sich in der Gruppe wie ein Lauffeuer, wenn auch nicht bei allen.

Ich war zuerst in der Unterkunft und bearbeitete natürlich sofort die Bilder. Silvan und die Frau kamen nach ihrer Rückkehr sofort zu mir und wollten alles im Detail wissen. Und nun waren sie fast ein bisschen neidisch, trotz der schönen Skitour, die sie gemacht hatten.

Das war wohl schon jetzt mein Naturerlebnis des Jahres, aber ich freue mich trotzdem auf weitere Unternehmungen in der Natur. Wenn ich wieder fit bin wie ein junges Reh und nicht wie ein angeschossener Rehbock.

Aus Gründen gebe ich den Standort nicht bekannt, wo die Sichtung war, auch die Meldung auf ornitho.ch ist verdeckt erfolgt (wahrscheinlich wird sie sowieso nicht öffentlich sichtbar sein). Es bringt also nichts zu fragen, wo das genau war. Danke fürs Verständnis.

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