Es war wieder die Zeit der Skitourenwoche des SAC Homberg, alle freuten sich auf die kommenden Touren. Alle? Nein, einer nicht, weil er nicht auf Touren mitgehen konnte aus gesundheitlichen Gründen. Also Trübsal blasen? Nein, sicher nicht, Hauptsache, in der Natur unterwegs.

Mit Kollegen in die Ferien

Wir hatten ein ganzes ehemaliges Hotel für uns, zu Spitzenzeiten waren wir 15 Personen, dabei auch ich und meine ganze Familie. Familienferien mal anders. Beni, der G.O. (Asterix-Fans kennen das Kürzel), hat auf Empfehlung von Bergführer Thom die Unterkunft reserviert und einen Menuplan ausgearbeitet. Denn seit zwei Tourenwochen kochen wir meist selber. Was nach zusätzlicher Arbeit tönt, ist ganz lustig, es entsteht ein ganz neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir versuchen, die Tradition der Skitourenwoche an die nächste Generation weiterzugeben. Ich glaube, das hat gar nicht schlecht funktioniert bis jetzt. Ok, zwei der Jungen waren unsere Jungs, denen musste es gefallen. Was mir weniger gefiel: Ich konnte wegen Problemen mit dem Geläuf nicht auf Skitouren mit. So machte ich, ausgerüstet mit Kamera und Fernglas, eigene Unternehmungen.

Am Vorderrhein

Hier, nicht weit von der Quelle des Rheins, machte ich mich auf zu Entdeckungen am Fluss, alleine. Was jetzt etwas frustriert tönen mag, ist das Gegenteil davon. Ich liebe es, alleine unterwegs zu sein. Zu gehen, wann ich will, wohin ich will, so schnell ich will. Es ist pure Freiheit.

So wanderte ich beim ersten Ausflug am Ankunftstag von der Unterkunft nach Diesentis dem Vorderrhein entlang. Ich erwartete hier Wasseramseln und Gebirgsstelzen. Tatsächlich sah ich schon bald eine übers Wasser flitzen. Diesmal gelang es mir jedoch noch nicht, sie zu fotografieren. So genoss ich erst mal die Ruhe dem Rhein entlang, wo mir kaum jemand begegnete.

Bei den Wasseramseln und Gebirgsstelzen

Die anderen Male ging ich nicht so weit, sondern suchte die Tiere gleich unterhalb des Ortes am Fluss. Das zweite Mal blieb ich nicht allzu lange, denn ich hatte „Stubenarrest“, weil zwischen neun und zwölf eine Essenslieferung erwartet wurde. Ich probierte meine Graufilter aus, die eine längere Belichtungszeit ermöglichen.

Beim letzten Mal nutzte ich den ganzen Morgen. Ich hatte alles dabei: Kameras, Stativ, Fernauslöser. Mein Plan: Die Kamera aufs Stativ am Fluss stellen und auf einen Stein ausrichten, mich dann entfernt davon, halb versteckt, auf die Lauer legen. Ich suchte einen Stein, der Kotspuren aufwies. Das bedeutet nämlich, dass sich dort jeweils Wasseramseln aufhalten. Ich installierte also die Kamera auf dem Stativ am Wasser, testete den Fernauslöser – funktioniert. Ich setze mich entfernt auf mein Kissen und wartete nun. Dann kam eine Wasseramsel und setzte sich tatsächlich auf den Stein! Allerdings den dahinter, also ausserhalb des Schärfebereiches (ich hatte auf manuell fokussieren gestellt). Ich drückte gleichwohl ab und ging mir das Resultat anschauen: Da war rein gar nichts. Die Kamera fällt nach einer gewissen Zeit in den Stand-by-Modus, dann funktioniert der Bluetooth-Fernauslöser nicht mehr. Da werde ich wohl über die Bücher gehen müssen.

Ich änderte meine Strategie, setzte mich direkt an den Fluss und fotografierte nun wieder aus der Hand. So war ich auch flexibler. Tatsächlich tauchte bald wieder eine Wasseramsel auf, die ich dann erwischte. Auch Gebirgsstelzen zeigten sich, sie waren in Balzlaune, zumindest das Weibchen, das Männchen interessierte sich mehr fürs Fressen. Ich verbrachte fast den ganzen Morgen dort, am sortierte ich Nachmittag hunderte von Bildern aus.

In den Bergwäldern unterwegs

Interessant war natürlich nicht nur der Rhein, sondern auch die Bergwälder an den Hängen. Sie sind anders als unsere zu Hause, und beheimaten andere Arten. Ich brach jeweils zeitig auf, der Weg startete gleich bei der Unterkunft. Selbstredend war niemand anders unterwegs, nur ich und die Tiere, so sie sich denn zeigten. Hören tat ich sie überall, sie visuell zu entdecken war schon schwieriger. Überall sangen die Misteldrosseln, gesehen hatte ich nur wenige. Geheimnisvoll war der Wald, alte, verknorzte Bäume ragten in den Himmel. Das schärfte auch meine Sinne, ich erhoffte jederzeit auf eine grossartige Entdeckung. Insbesondere Dreizehenspechte und Sperlingskäuze sind auf meiner Wunschliste. Dass der Dreizehenspecht hier vorkommt, erkannte ich an dieser Fichte:

Diese gleichmässigen Löcher nebeneinander sind typisch für den scheuen Specht, er „ringelt“ die Bäume, um dann den austretenden Saft zu lecken.

Zuverlässig zeigten sich Hauben– und Tannenmeisen, die zwar bei uns im Flachland auch vorkommen, aber in weitaus geringerer Anzahl. Nur im Gebirge kommt hingegen die Alpenmeise vor, eine Unterart der Mönchsmeise.

Ein Aussichtspunkt liess meinen Blick über das Tal schweifen. Dort gab es nur noch im Schatten Schnee, ansonsten war er verschwunden, die Landschaft vorwiegend braun. Weit unten sah ich mein Ziel, unsere Unterkunft. Eine Sitzbank lud zur Rast ein, das passte perfekt, ich hatte allmählich Hunger. Derweil huschten die Alpenmeisen und Haubenmeisen in den Sträuchern umher. Und sonst war einfach Ruhe. Keine Menschenseele weit und breit. In mir breiteten sich Glücksgefühle aus, wärmend wie der Tee, den ich eben trank.

Ein Specht hämmerte leise, ich packte zusammen und folgte dem Hämmern, es könnte ja ein Dreizehenspecht sein. Leider hatte ich ihn nicht gefunden. Dafür stapfte ich jetzt durch tiefen Schnee auf einem Maiensäss, der hier noch liegen blieb.

Ab hier ging es wieder abwärts auf einer Waldstrasse, dann durch einen Weiler und durch Alpwiesen. Dort traf ich auf einen Einheimischen, den ersten, seit ich zur Tour aufgebrochen war. Er war ebenfalls mit Fernglas unterwegs, hatte soeben einen Sperber gesichtet. Wir unterhielten uns eine Weile, bevor jeder seines Weges ging.

Im Regenwald

Natürlich war es kein Regenwald, aber es hatte in der Nacht geregnet. Diesmal nahmen mich meine Kollegen mit und warfen mich vor Disentis aus dem Auto. Gemäss Karte sollte das eine schöne Rundwanderung geben. Der Wald war nebelverhangen, es tropfte immer noch von den Bäumen. Und selbstredend war ich wieder ganz alleine unterwegs. Ich stieg durch diesen mystischen Wald auf, genoss die Stille.

Hier zu wandern ist wie meditieren. Man kommt herunter, ist im Hier und Jetzt unterwegs, keine Gedanken an etwas anderes, keine Zukunft, keine Vergangenheit. Absolut kein Neid, weil die anderen jetzt auf Skitouren sind.

Allerdings holte mich das Wetter wieder in die Realität zurück. Es begann zu schneien, zudem war die Waldstrasse schneebedeckt, ein Vorwärtskommen war mühsam. Ich legte eine Pause ein, bevor ich mich an den Abstieg machte. Bald langte ich wieder an der Strasse unten an, wanderte zum Bahnhof und fuhr zurück zu unserer Unterkunft.

Glücklich und zufrieden beendete ich eine weitere Solowanderung, auch wenn ich meinen Wunschvogel, den Dreizehenspecht, auch dieses Mal nicht gefunden habe. Und trotzdem: Das nächste Mal möchte ich auch wieder auf Skitouren dabei sein, die Chancen stehen gut.

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