Wo fühlt es sich wie im Dschungel an? In den Auen der Petite Camargue Alsacienne bei St-Louis, gleich nördlich von Basel. Wir haben sie besucht und waren begeistert.
Schon lange reizte uns ein Besuch des Gebietes, für einen Tagesausflug war es aber zu weit. Da boten sich die Auffahrtstage geradezu an. Wir mieteten für uns zwei eine Ferienwohnung nahe der Petite Camargue.

Es wird eng
Die Anreise mit dem Zug gestaltet sich problemlos bis Basel. Am Automaten der SNCF kämpfen wir zuerst mit der Bedienung, bis wir das Prinzip durchschauen. Dabei müssen wir nur drei Stationen fahren. Der Zug ist schon ziemlich voll, dabei dauert es noch eine Viertelstunde bis zur Abfahrt. Wir bleiben im Vorraum stehen. Und es kommen mehr Leute. Immer mehr. Wir stehen mal von unseren Klappsitzen auf. Und es kommen noch mehr Leute. Bei der Abfahrt stehen wir dicht an dicht. Zum Glück sind es nur drei Stationen. Was sind wir froh, als wir dort aussteigen können. Wir suchen zuerst mal die Wohnung auf, deponieren dort Material, das wir nicht brauchen, und lunchen.
Eine erste Runde durch die Petite Camargue
Nach der Stärkung brechen wir mit unseren Geräten auf, das sind Ferngläser, Spektiv und Kamera. Am Eingang steht eine Übersichtstafel. Wir entscheiden uns für die kleinste Runde. Wie durch eine Kathedrale wandeln wir durch den Auenwald. Es herrscht rege Gesangsaktivität, alle paar Meter ist eine Mönchsgrasmücke zu hören, in den Schilfhalmen die Teichrohrsänger. Und immer wieder hört man den melodiösen, exotischen Gesang des Pirols, der ebenso exotisch aussieht. Wenn man ihn den jemals zu Gesicht bekommt. Erst am letzten Tag gelangen mir ein paar Fotos, allerdings weit entfernt von gut:
Wir geben uns der zauberhaften, verwunschenen Landschaft hin. Auf einer Plattform sieht man eine Giesse. Und einen Eisvogel! Allerdings ist der auch schon wieder weg, bis ich mit meiner Kamera parat bin. Ein Wendehals macht sich quäkend bemerkbar. Und einmal, nur ein einziges Mal, höre ich einen Grauspecht rufen. Wir nähern uns dem Naturzentrum, einer Ansammlung von Gebäuden. Diese werden einerseits für die Forschung genutzt, andererseits kann man eine Ausstellung besuchen, die die Entwicklung der Petite Camargue Alsacienne dokumentiert. Zwischen den Gebäuden gibt es Picknickplätze, wo auch wir uns stärken. Da kommt plötzlich ein Nutria dahergetrottet, mischt sich unter die Leute in der Hoffnung auf etwas Fressbares, dreht dann ab und zottelt davon!
Wir gehen weiter und hören schon von Weitem Gekrächze. Wir erreichen einen grossen Teich, am gegenüberliegenden Ufer ragen abgestorbene Bäume auf. Da drauf sind Dutzende von Nestern der Kormorane, die auch den Lärm verursachen. Dazwischen sind auch Horste von Graureiher und Weissstorch. Und wir entdecken zwei Seidenreiher, die sich mit kleinen Ästen als Nestmaterial beschäftigen! Diese Art ist sonst im Süden, in der grossen Camargue zu finden, wo sie auch brütet. Hier ist das eher ungewöhnlich.
Auf der weiteren Runde ist das Wetter sehr wechselhaft, zuerst scheint die Sonne, dann verdüstert sich der Himmel zusehends. Just als wir bei einem Hide sind, beginnt es zu regnen. Dafür können noch kurz einen Mittelspecht erblicken. Der Spuk ist schnell vorbei, wir gehen nun zurück in unsere Wohnung.
Die grosse Runde
Am zweiten Tag starten wir kurz vor acht Uhr. Wir nehmen vorerst wieder den gleichen Weg bis zum Zentrum. Diesmal singen nebst den Mönchsgrasmücken, Pirolen und Teichrohrsängern auch die Nachtigalle. Dass das Brutgeschäft in vollem Gange ist, sieht man allenthalben. Das ist eine Mönchsgrasmücke mit Insekten im Schnabel, dort bettelt ein Jungvogel um Futter. Ein Blaumeisenküken, das im Gras sass, müht sich den Stamm des Apfelbaums hoch bis zur Höhle.
Wir wählen diesmal die grosse Runde. An einem Teich mit Hide erblicken wir Reiherenten, die zwar paarweise unterwegs sind, aber nicht hier brüten. Ein Eisvogel pfeilt auf der gegenüberliegenden Seite vorbei. Ebenfalls auf jener Seite entdeckt die Frau im Binsengewächs eine Wasserralle.
Wir verlassen nun den Wald und gelangen auf offenes Ackerfeld, das umsäumt ist von Hecken. Dort sitzt ein Neuntöter und hält nach Insekten Ausschauf, auf dem Acker sucht eine Graugans nach Fressbarem. Neben uns in der Hecke singt eine Nachtigall, aber entdecken können wir sie nicht. In einer anderen Hecke hören wir einen Jagdfasan, aber sehen können wir ihn ebenfalls nicht.
Wir erreichen wieder einen Teich mit einem Hide, der uns einen guten Überblick verschafft über das Geschehen, denn es ist viel los. Rauch- und Mehlschwalben jagen über dem Wasser Mücken, darauf schwimmen wieder Reiherenten, Kanadagänse, Stockenten und Nilgänse. Und dann fliegt ein Reiher heran, lässt sich am gegenüberliegenden Ufer nieder. Aber ist keiner der üblichen Reiher, sondern ein Purpurreiher! Gemäss einem hinzugekommenen Local brütet er vermutlich hier. Über dem Röhricht schwebt eine Rohrweihe.
Wir schliessen unsere Runde langsam und kehren zurück. Es gäbe noch viel zu entdecken, aber am Nachmittag ist bekanntlich weniger los. Wir entspannen uns in unserer Wohnung, aber nicht ohne vorher noch beim Metzger und in der Konditorei vorbeizuschauen.
Frühaufsteher werden belohnt
Am letzten Tag waren wir im Dilemma: Wir mussten spätestens um 10 Uhr aus der Wohnung sein, aber wir hatten zu viel zusätzliches Gepäck, um es mitzuschleppen. Was tun? Wir stellen den Wecker ganz früh und starten um 20 vor sechs Uhr, noch vor Sonnenaufgang. Nach zehn Minuten sind wir in der Petite Camargue, das Vogelkonzert ist grossartig, überall singen und zwitschern sie. Wir nehmen zum dritten Mal den gleichen Weg zum Naturzentrum, und es ist noch einmal mystischer. Natürlich ist noch niemand unterwegs, die Sonne erhebt sich eben. Die Pirole singen, der Kuckuck ruft. Da sehe ich etwas am Baum herumklettern: Ein Baummarder! Ich versuche noch, ihn mit der Kamera festzuhalten, aber er klettert davon. Vorsichtig nähere ich mich dem Baum, gucke nach oben. Da guckt ein Eichhörnchen auf mich herunter! Dieses erwische ich.

Inzwischen ist die Sonne hervorgekommen, alles ist in sanftes Licht getaucht. Glücksgefühle durchströmen uns bei dem Anblick und dem Klangteppich. Zwei Wendehälse duellieren sich akustisch mit ihren quäkenden Rufen. Mit geschärften Sinnen schleichen wir weiter auf dem Pfad.
Mittelspecht, Schwanzmeise, am Himmel Graureiher, Pirole, die singen, Teichrohrsänger knarzen, Eichelhäher, es ist traumhaft. Wir erreichen wieder das Zentrum, nehmen anschliessend den Weg rechts durch den dichten Wald. Wir hören ein Gurren, können aber den Vogel nicht finden. Das ist doch… Wir kontrollieren schnell mit der Merling-App. Ja, das ist eine Turteltaube! Wir suchen sie lange, finden sie aber nicht, obwohl sie sehr nahe ruft.
Wir erreichen den nächsten Teich, den, an dem wir vorgestern schon waren, aber aus einer anderen Richtung. Er sieht hier genauso geheimnisvoll aus. Baumstümpfe ragen aus dem Wasser, Reiher stehen darin.
Wir geniessen noch einmal den Anblick, bevor wir in unsere Wohnung zurückkehren und Frühstücken. Zurück nehmen wir nun den Bus, der fährt bis Basel Schifflände. Von dort flanieren wir durch die Altstadt, unterbrochen von einem Halt in einem Café. Die drey scheenste Dääg sind nicht im März, sondern im Mai!
Info
Die Petite Camargue Alsacienne ist gut mit dem ÖV erreichbar, entweder mit dem Zug oder dem Bus. Der Bus hält näher beim Naturschutzgebiet. Die Petite Camargue weist viele Spazierwege auf. Offenbar hatten wir Glück, während unserer drei Tagen hatte es nicht viele Leute, sonst sei es manchmal ziemlich überlaufen.
Zur Karte des Gebietes:
Klicke, um auf pca-plan-reserve-carte-sentiers-2018-fr-3.pdf zuzugreifen
