Der 1. August ist bei uns Nationalfeiertag. Und ich hasse ihn. Nicht wegen dem Anlass selber, sondern wegen der völlig sinnlosen und jeden vernünftigen Rahmen sprengenden Knallerei, die jedes Jahr riesigen Schaden anrichtet, aber eben nicht sichtbar ist. Deshalb machten die Frau und ich einen 1.-August-Boykott im Averstal.

Gut, dieses Jahr wäre es nicht nötig gewesen, weil wegen der Dürre ein allgemeines Feuerverbot herrschte und dementsprechend kein Feuerwerk gezündet werden durfte. Fortgereist sind wir trotzdem, nämlich ins abgelegen und beschauliche Averstal.

Eine lange Anreise

Natürlich reisen wir wie immer mit dem ÖV an und das dauert. Trotzdem vergeht die Zeit wie im Flug. Im Intercity von Zürich nach Chur reisen wir im Bordrestaurant, geniessen dort einen Kaffee mit Kuchen und die Aussicht. Mit dem Auto anreisen? Nie im Leben (abgesehen davon, dass wir gar keines mehr haben)! Viel zu nervig. Von Chur nach Andeer kommen wir in den Genuss einer Sightseeingtour wegen einer Baustelle. Wir durchqueren Dörfer, die sonst nicht im Fahrplan stehen. Das hat natürlich Auswirkungen auf den Fahrplan, mit dem Umsteigen wird es immer knapper. Aber da der Anschlussbus keine weiteren Verbindungen mehr bedienen muss, wartet er natürlich. Und so fahren wir die letzte Etappe weiter ganz entspannt, derweil der Postautochauffeur uns eine Lektion in der Lokalhistorie gibt. So beginnt das Averstal erst bei der Punt di Val di Lei und nicht am Eingang des Tales, weil Ferrera zum ursprünglich romanischen Val da Schons gehört, während das Averstal von den Walsern besiedelt wurde. Jedenfalls kommen wir nach über vier Stunden an, obwohl wir eine Station zu früh aussteigen.

Ein warmer Empfang

Unser Ziel ist das Hotel Avers in Rufana, wo wir zwei Nächte verbringen werden. Wir checken ein und werden dann ins Zimmer hoch geschickt. Dort sind schon zwei Personen im Gespräch. Trotzdem begrüsst er uns: „Hoi zäme, ich bin der Hansueli“. Und bitte liebe Deutsche: Es heisst nicht Hansüli, sondern Hansu-eli! Bitte gerne. Es stellt sich heraus, dass er der Patron hier ist. Sein Beruf und seine Berufung ist Gastgeber, wie wir noch feststellen werden.

Wir richten uns kurz im Zimmer ein, denn wir wollen noch raus, die Beine nach der langen Fahrt vertreten. Hansueli fängt uns ab und erklärt den weiteren Verlauf: Um 18 Uhr gebe es im Hotel in Cresta einen 1.-August-Apéro für alle Gäste. Somit ist auch der Weg für uns klar, wir werden nach Cresta wandern. Allerdings sieht die Wetter-App ein Gewitter vor, bevor wir dort sein werden. Na ja, vielleicht schaffen wir es ja vorher. Wir wandern los auf dem Weg oberhalb der Strasse. Das Tal ist vom Massentourismus völlig unberührt, das einzige Berühmte da ist Juf, das bekannt ist als höchstgelegener, ganzjährig bewohnter Ort in Europa. Ruhe ist hier also garantiert. Und diese geniessen wir, auch wenn vor uns dunkle Wolken aufziehen. Zuerst fallen Tropfen, dann nimmt der Niederschlag zu. Wir haben unsere Regenjacken angezogen. Bis wir Cresta erreichen, ist der Regen auch schon wieder vorbei, unsere Regenkleider und Hosen aber nass. Wir sind aber früh genug da, um die Jacken an der zurückgekehrten Sonne zu trocknen.

Apéro mit Benefit

Bis 18 Uhr sind alle Gäste eingetroffen. Hansueli erklärt das weitere Vorgehen: Am Buffet vorbei und sich bedienen lassen. Es ist unvermeidlich, dass man mit anderen Personen am Tisch sitzt. Das ist Absicht und man lernt sich kennen. So sitzen wir mit einem anderen Paar am Tisch, kommen ins Gespräch. Wir wundern uns, dass er mit uns Hochdeutsch spricht, bis er uns aufklärt, dass seine Partnerin aus Genf ist und deutsch lernt. Da passen wir uns selbstverständlich an und sprechen auch hochdeutsch. Mit einem Mal ertönen Klänge, die so gar nicht hier hin passen: Ein Dudelsack. Hansueli ist als Schottlandfan auch passionierter Dudelsackspieler. Bei diesem Instrument läuft es mir immer kalt den Rücken runter. Ich liebe diese archaischen Instrumente, auch das Alphorn. Zum Schluss gibt es natürlich noch „Amazing Grace“, bevor wir ins Hotel Avers zurückkehren.

Langes Nachtessen

Wieder setzen sich die Gäste zufällig zusammengewürfelt an den Tisch. Es sind fast alles „Hitzeflüchlinge“ älteren Datums, die es sich leisten können, so lange zu bleiben, bis es wieder kühler ist im Unterland. Es stellt sich heraus, dass die meisten Stammgäste sind, vor allem aus dem Aargau, wo Hansruedi bereits in Oberentfelden erfolgreich das Restaurant „Mühle“ geführt hat und wir, wie wir feststellen, auch schon mal zu Gast waren. Derweil erklärt Hansruedi sein Konzept „vino333“: Dabei sollen alle Weine innerhalb eines Radius‘ von 333 Kilometer her kommen. Das Essen und der Wein munden vorzüglich, der Stundenzeiger rückt vor, ehe wir uns aufs Zimmer begeben.

Auf dem Munggapfad

Für den nächsten Tag wollen wir wandern gehen, irgendwie müssen wir die vielen Kalorien ja wieder los werden. Hansruedi fragt nach unseren Plänen. Als wir sie ihm erzählen, legt er seine Stirn in Falten. „Das ist zu weit um diese Zeit.“ Ok, er kennt sich aus, wir glauben ihm. Ich teste noch kurz unsere ausgedachte Wanderung auf Schweiz Mobil: 27 Kilometer! Ok, vergessen wir’s.

Wir starten auf dem Munggapfad (Mungg = Murmeltier), der den posierlichen Tieren gewidmet ist. Allerdings, wenn man die Tafeln liest, geht es nicht mehr so herzig zu und her bei den Alpennagern. Da gibt es regelrechte Clanfehden, Familienmitglieder werden gemobbt und es gibt Rangkämpfe. Spannende Tiere sind sie trotzdem, oder gerade deswegen. Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass man überhaupt Murmeltiere sieht? Ich würde sagen, 100 %. Ausser, sie sind im Winterschlaf, der von Oktober bis April dauert. Da sie perfekt ans Hochgebirge angepasst sind und Wärme nicht mögen, sind sie vom anthropogenen Klimawandel bedroht. Sie müssen fast ständig fressen, um genug Reserven für den Winter zu haben. An heissen Tagen haben sie aber weniger Zeit dazu, da sie sich in ihre Höhlen zurückziehen müssen.

Das zu beginn noch freundliche Wetter schlägt um, dunkle Wolken ziehen auf, ein kühler Wind weht. Nach wochenlanger Hitze schon fast ein ungewöhnliches, vor allem aber erfrischendes Erlebnis. Wir gehen noch etwas weiter als bis zum Olta Stofel, dann kehren wir wieder um. Aus ein paar Tropfen werden immer mehr, es beginnt zu regnen. Auch etwas Ungewöhnliches in diesem Sommer. Lang hält er nicht an, bevor wir den Talausgang erreichen, ist der Spuk schon vorbei. Wir entschliessen uns, auf der orografisch linken Seite nach Juf zu wandern. Dort kehren wir ein, um uns aufzuwärmen, die wieder hervorgekommene Sonne tut ihr Übriges. Neben uns gesellt sich ein älteres Paar, wir kommen ins Gespräch, da wir sie auch im Hotel gesehen haben. Es stellt sich heraus, dass sie auch Ornithologen sind, da ist das Thema natürlich gegeben.

Beim Abendessen sitzen wir dann zusammen und haben ganz viel Gesprächsstoff. Der Abend wird wieder lang, begleitet vom ausgezeichneten Essen.

Heim über den Stallerberg

Für den nächsten Tag ist das Wetter noch ungewiss. Wir schauen deshalb am Morgen zuerst die Wetterprognose an und finden: Doch, das passt. Wir werden heute nach Bivio wandern und von dort nach Hause fahren. Ein weiterer Vorteil des ÖV: Man kann hin, wo man will, muss nicht zum Auto zurückkehren. So packen wir also unsere Sachen, verabschieden uns von Hansruedi und machen uns auf die Socken. Zuerst wandern wir der Strasse entlang nach Juf. Ab da geht es steil aufwärts über Kuhweiden, die aber zum Glück nicht bestossen sind. Schmetterlinge flattern herum zu Hauf. Steinschmätzer machen sich überall bemerkbar. Kurz vor dem Stallerberg, dem Pass ins Surses, müssen wir doch noch eine Kuhherde durchqueren. Die Hirtin ist zugange, so dass wir sicher die Herde durchqueren können, die den Wanderweg blockiert.

Auf dem Pass

Bald erreichen wir den Stallerberg. An diesen habe ich Erinnerungen aus der Jugendzeit, da wanderten wir in umgekehrter Richtung von Bivio her nach Juf, und auf dem Pass hat es geschneit, mitten im Sommer. Das beeindruckte mich damals so sehr, dass ich es heute noch weiss. Diesmal passiert uns das nicht, die Sonne brennt vom Himmel. Dank der Höhe von 2580 müM ist es noch angenehm. Noch. Denn wir müssen ja wieder absteigen, nach Bivio. Aber vorerst hat etwas anderes unsere Aufmerksamkeit erregt, da fliegen Vögel herum. Mit unseren Ferngläsern sehen wir: Es sind Steinrötel! Dieser Vogel ist eher selten, wir können hier gleich eine ganze Familie beobachten! Wir nehmen auf der Zuschauertribüne die erste Reihe ein und beobachten die Vögel, während wir uns stärken.

Irgendwann sind sie weg und wir steigen ab durch eine vielfältige Landschaft. Schwemmebenen, steile Abstiege, bald sind wir im Wald. Und es wird wärmer. Ach was, heiss. Und wir sind immer noch auf 1800 müM.! Eigentlich sollte man meinen, dass es nach diesem Sommer auch der Letzte begriffen hat, dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern, wenn wir so weitermachen, aber die Idioten scheinen immer zahlreicher zu werden, was man auch an den Wahlresultaten überall auf der Welt sieht. Brave new world.

Nun, wir kommen in Bivio an, haben hier noch genügend Zeit für ein kühles Getränk, wenn auch nur to-go. Mit dem Postauto fahren wir nach Thusis und von dort weiter mit dem Zug nach Hause. Wir kündigen unsere voraussichtliche Ankunftszeit an (mit den Schweizer Bahnen kann man das), damit das Nachtessen pünktlich auf dem Tisch steht. Und – es hat geklappt! Ein wunderbares 1.-August-Wochenende endet, Nachahmung empfholen.

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